Die traditionelle Salzgewinnung ist tief in der Geschichte und Landschaft der Île de Ré verwurzelt. Bereits seit dem Mittelalter, genauer gesagt seit dem 12. Jahrhundert, prägen die Salzgärten die Wirtschaft und das Bild der Insel. Auch heute noch ernten etwa sechzig Salzbauern (die sogenannten Sauniers) das oft als „weißes Gold“ bezeichnete Meersalz in reiner Handarbeit und nach einem 800 Jahre alten Know-how.
Das System der Salzgärten Die Salzproduktion erfordert ein empfindliches Gleichgewicht aus Sonne, Wind und einer ausgeklügelten Wasserführung. Die Salzgärten (Marais Salants) wurden geschickt in den natürlichen Lehmboden modelliert, sodass das Meerwasser allein durch die Schwerkraft von einem Becken ins nächste zirkulieren kann. Das System besteht dabei aus drei Hauptbecken:
- Vasière (Schlickbecken): Hier strömt das Meerwasser zunächst ein und die mitgeführten Sedimente setzen sich ab.
- Verdunstungsbecken: Das Wasser wird über einen langen, flachen Weg geleitet, wodurch es durch die Sonneneinstrahlung verdunstet und sich die Salzkonzentration stetig erhöht.
- Kristallisationsbecken (Marais): In diesen letzten, sehr flachen Becken bildet sich schließlich das Salz und kann geerntet werden.
Die Arbeit der Sauniers und die „Fleur de Sel“ Die Arbeit der Salzbauern ist stark von der Witterung abhängig. Sie müssen täglich auf kleinste Wetteränderungen reagieren und den Wasserzufluss zu den jeweiligen Becken präzise erhöhen oder drosseln. Da die Entstehung des Salzes vollkommen von den klimatischen Bedingungen abhängt, ist die Erntezeit extrem kurz und beschränkt sich in der Regel nur auf die Monate Juni bis September.
Das wertvollste Produkt dieser Handarbeit ist die Fleur de Sel (Salzblume). Diese hauchfeine Salzkruste bildet sich an heißen, windstillen Tagen direkt an der Wasseroberfläche und wird von den Sauniers äußerst behutsam mit einem Holzrechen abgeschöpft. Im Gegensatz zu industriell raffiniertem Salz ist das Rétals-Salz zu 100 % naturbelassen, wird nach der Ernte nicht weiter chemisch behandelt und enthält keine künstlichen Zusätze.
Ökosystem und Naturerlebnis Die intakten Salzgärten konzentrieren sich heute vor allem auf den Norden der Insel, insbesondere rund um die Dörfer Loix und Ars-en-Ré. Viele historische Salzbecken, die im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgegeben wurden, sind mittlerweile in geschützte Naturräume umgewandelt worden. Sie bieten ein einzigartiges, amphibisches Ökosystem und dienen unzähligen Zug- und Wasservögeln als wichtiger Rückzugsort und Nahrungsquelle – bestens zu beobachten beispielsweise im Naturschutzgebiet Lilleau des Niges.
Eine Fahrradtour durch die ruhige Atmosphäre dieser Feuchtgebiete und ein direkter Besuch bei den Sauniers sind faszinierende Erlebnisse, um die traditionellen Techniken vor Ort kennenzulernen und das regionale Salz direkt vom Erzeuger zu probieren.